Schlachtfeld Verdun: Entstellte Erinnerungen

Dämonisiert, weichgespült, entwertet: Wie deutsche Leitmedien in Zeiten wieder aufflammender Kriegsrhetorik mit dem 100. Jahrestag der Vernichtungsorgie umgehen. Zwei Beispiele
Rund 300 Tage Kampf, 300.000 Tote: Seit sich zum hundertsten Jahrestag der Schlacht von Verdun im 1.Weltkrieg unsere Presse, Funk und TV an diesem Mammutmassaker erinnernd abarbeiten müssen, stehen sie vor einem Dilemma: Just zu einer Zeit, wo alle Mainstream-Kanäle versuchen, den Bürgern einzutrichtern, dass Deutschland auch militärisch weltweit wieder „Verantwortung“ zu übernehmen habe und dies leider ohne „robuste“ Aktionen“, sprich Waffeneinsatz und steigende Wehretats nicht zu machen ist, müssen sie dem Publikum nun zeitgleich eines der blutigsten Gemetzel der jüngeren deutschen Geschichte beschreiben. Die Reminiszenz und die aktuellen Kriegsgesänge mit „breaking news“ von den Frontlinien der Welt passen nicht recht zusammen und schafft selbst unter den hellsten Köpfen der Zunft Verwirrung. Schließlich hat Verdun wie kein anderes unter den Militärgräueln der Neuzeit in Europa die Nutz- und Sinnlosigkeit moderner Kriegsführung in Völkerkonflikten demonstriert. Was also tun? Auch auf die Gefahr hin, weiter an Glaubwürdigkeit zu verlieren, macht die Publizistik mit Leitanspruch, was sie in politisch brisanten Konflikten dieser Art fast immer macht: Trotz besseren Wissens entwickeln die Macher entweder den Mut zur Lücke oder spielen die Trottel vom Dienst. Was heißt: Man schreibt seine Verdun-Memorials so, dass es fast unmöglich wird, die blutigen Ereignisse von damals in Vergleichsnähe zur aktuellen Forderung nach mehr Feuerkraft am Hindukusch, in Syrien, im Baltikum oder in Afrika zu bringen. Vor allem im deutschen Feuilleton mühen sich unsere Schrift-Illusionisten daher seit kurzem mehr oder minder schweißtreibend ab, die vertrackte Verdun-Thematik durch eine möglichst festliche Beleuchtung zu verdunkeln. Weiterlesen

Klimafestung Europa – ein fataler Irrtum

Forschungen, die zeigen, was uns wirklich droht, werden konsequent ignoriert

Machen wir uns nichts vor: Die Klimakonferenz von Paris war eine Farce. Festgelegt wurde kaum etwas von Bedeutung und vor allem nichts, was juristisch durchsetzbar wäre. Der triumphal bejubelte Abschluss des Treffens dokumentierte bei Licht betrachtet kaum mehr als eine Meisterleistung der PR-Strategie französischer Diplomatie. Man war glücklich, der Welt am Ende melden zu können: “Wir haben einen Vertrag“. Das man im Kleingedruckten für alles, was irgendwie als bindend aufgefasst werden könnte, einen Exitpassus verankerte, der jedem Unterzeichnerstaat gestattet, sich innerhalb der nächsten 12 Monate aus dem Vertrag zurückzuziehen, blieb öffentlich meist unerwähnt. Alles fußt auf „Freiwilligkeit“. einklagbar ist nichts.
Damit ist zu erwarten: Die Klimaschutz-Vereinbarung wird ähnlich wie alle vorherigen Abkommen dieser Art außerstande sein, jene technischen Entwicklungen voranzubringen, die zur Hoffnung Anlass geben, die erwartbare globale Klima-Katastrophe zu verhindern. Es wird weiter auf hemmungslosen Gebrauch von Kohle, Öl und Gas zur Sicherung des Wohlstands in Industrie-Staaten gesetzt. Und das Absurde daran: Obwohl seit mindestens 7 Jahren wissenschaftlich gut belegt ist, dass unser Planet auf diese Weise in buchstäblich atemberaubenden Tempo unbewohnbar sein wird, gilt der Umbau unserer Industrie in Richtung Kreislaufwirtschaft und CO-2 Neutralität weiterhin als Projekt minderer Priorität, bei dem man sich Zeit lassen kann. Weiterlesen

Störung der Totenruhe

Wie “Bild” Karasek posthum zur Witzfigur macht

„Es ist hart, von Idioten verehrt zu werden“, titelte kürzlich das französische Satire-Magazin Charlie Hebdo. Wie wahr! Hier eine bundesdeutsche Variante: Beim plumpen Versuch, die Lebensleistung des in dieser Woche verstorbenen Literatur-Kritikers Hellmuth Karasek per Sonderseite zu rühmen, fällt Bild kaum mehr ein, als uns in fetter Schrifttype über Karaseks „drei besten Witze“ zu informieren. Weiterlesen

Zutritt verboten:der selbsternannte Club der Meinungsmacher

Maulkorb für Wissenschaftler? Was passiert, wenn renommierte Ökonomen Kanzlerin Merkel in einem offenen Brief zum Kurswechsel auffordern

Andrian Kreye, Feuilleton-Chef der Süddeutschen Zeitung (SZ) war empört: „Digitale Politikamateure“ haben sich, so verkündete er in der von ihm verantworteten Kulturabteilung der SZ, wissenschaftlicher Analysen zur Griechenland- und Eurokrise bedient, um „auf ethisch fragwürdige“ Weise Kritik am Austeritätskurs der deutschen Bundeskanzlerin zu üben. Grund seines Protests: Der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty hatte zuvor zusammen mit vier ähnlich renommierten Ökonomie-Forschern (unter anderem Heiner Flassbeck) einen offenen Brief an Angela Merkel mit dem Titel „Der Sparkurs ist gescheitert“ auf der Webseite des amerikanischen Politikmagazins „The Nation“ veröffentlicht. Dies unter Beteiligung von Internet-Aktivisten, die begleitend dazu im Netz eine Petition auf den Weg brachten, welche innert Stunden weltweit über 500 000 mal unterzeichnet wurde und in Paris zu Straßendemos beim Griechenland-Krisentreffen von Merkel und dem französischen Staatspräsidenten Hollande führte. Der – wie Kreye einräumt – „wissenschaftlich fundierte“ und argumentativ „kluge“ Aufruf der Professoren sei aber nun durch die Petitions-Aktivisten mit ihrem „gewaltigen Echo“ im Internet aufs ärgste entwertet worden. Denn, so Kreye : Aus gesellschaftlicher Sicht ergäben sich durch die solcherart massenhaft verbreiteten wissenschaftlichen Erkenntnisse schwere Glaubwürdigkeitsprobleme für die am Brief beteiligten Professoren. Und das sei nicht gut. Denn: Weiterlesen

ARD: Die Lüge wird zum Programm

Griechenland-Hatz und Zitat-Fälschung auf Kosten des Zwangsgebührenzahlers

Nachdem nicht nur vom Chefdenker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) Berthold Kohler bis zum ARD-Brüssel-Korrespondent Rolf-Dieter Krause in mehr oder weniger deutlichen Worten und im schönsten Gleichklang mit Bild-Kommentatoren der Parole Ausdruck verliehen wurde, die vermeintlich linksradikale und damit unbelehrbare Tsipras-Regierung in Griechenland solle sich zur Hölle scheren – gibt es kein Halten mehr. Wie nie bemüht sich auch die zweite und dritte Reihe unserer Meinungsmacher im Land, bei der Hatz gegen Athens Regierung ganz vorn dabei zu sein. Was heißt: Es wird Desinformation in solchem Ausmaß produziert, das man sich inzwischen fragt, mit welchem Recht eigentlich Südeuropas Bürgern immer unterstellt wird, sie würden meisterhaft täuschen und tricksen, wenn es um die Wahrung ihrer materiellen Interessen geht. Zeigt sich doch fast täglich, dass der redaktionelle Apparat unserer bundesdeutschen Mainstream-Journalistik bis hin zur untersten Ebene argumentativ bereit ist, jede Volte zu schlagen und dabei vor offener Unwahrheit und Tatsachenverdrehung nicht zurückschreckt. Hauptsache, es gelingt, die wahren Zusammenhänge der gegenwärtigen Finanzkrise zu verschleiern. Dabei entpuppte sich das jüngste Beispiel verfälschender Information aus der ARD als so plump und dreist, dass es jedem auch nur halbwegs aufmerksamen Fernseh-Zuschauer, dem dieser Info-Mist serviert wurde, vor Ekel den Hals zuschnürt. Wegen übler Zitat-Entstellung in der ARD-Berichterstattung zur letzten Jauch-Talkshow (Spottname: „Jauche-Talk“) hagelte es Protest. Weiterlesen

Das heimliche Gleichschaltungsformat

Anmerkungen zu Presseschauen in den Medien: Wie sich „die Welt als Wille und Vorstellung“ der Elite-Chronisten formen läßt.

Neon-Installation von Bruce Naumann. Emotionale Verwirrung statt rationaler Orientierung ist einer der zentralen Themen des amerikanischen Konzept- und Multi-Media-Künstlers, präsentiert auf den Biennalen 2009 (Foto) und 2015 in Venedig. (Foto: R. Gohr)

Es ist nun mal so: Immer öfter halten sich die Macher unserer ehemaligen Qualitäts-Medien auf der Suche nach den besten Köpfen im Land schlicht den eigenen Toiletten-Spiegel vor die Nase und stellen täglich aufs Neue erfreut fest: Da ist er ja! Und da dieser ersehnte Genie-Typus mit Tendenz zum „Übermenschentum“ (so fasste der für seine Querdenker-Einfälle gefürchtete „FAZ“-Feuilleton-Chef Frank Schirrmacher kurz vor seinem Tod in einer kritischen Analyse den Trend sarkastisch zusammen) sich nur glücklich fühlt, wenn ihm auf der europäischen Medienbühne möglichst einstimmig applaudiert wird, ist die Epoche kontroverser Diskussion im Milieu unserer Alpha-Chronisten so gut wie am Ende. Schlimmer noch: Beim täglichem Kampf um die Deutungshoheit zu fast jedem politischen oder wirtschaftlichen Ereignis lässt sich zeigen, dass inzwischen bei der Gestaltung selbst kleinster journalistischer Info-Formate vor keinem miesen Trick mehr zurückgeschreckt wird, um den Mainstream als Meinungsvielfalt zu tarnen. Das lächerlichste Beispiel dieser Entwicklung liefern derzeit die sog. „Nachrichten-Presseschauen“ – mal „Pressekompass“, mal „Pressespiegel“ oder „Das sagen die anderen“ genannt. Selbst in den vormals anspruchsvollsten Medien der Republik dient dieses Print- oder Sendeformat inzwischen fast ausschließlich zur Selbstbeweihräucherung der Meinungsmacher. Dem Medienkonsumenten wird dabei sorgfältig verschwiegen, was läuft. Weiterlesen

Boulevard verblödet

“Gossen-Hemingway” mag ja für so manchen nach einem Ehrentitel für Schreib-Talente klingen, die in der Boulevardpresse gegen nicht unbeträchtliches Zeilengeld ihrer journalistischen Arbeit nachgehen. Weithin bekanntester Etikett-Träger dieser Sonderform von tagesaktueller Literatur: Franz-Josef Wagner, Kolumnist der Bild-Zeitung. Er ist daher immer ein guter Anlass, um an eine Warnung der Brüder Goncourt zu erinnern, jenes Autoren-Tandem, nach dem der renommierte französische Literaturpreis “Prix Goncourt” benannt ist. In ihren inzwischen auch auf Deutsch vorliegenden Tagebüchern brachten sie bereits vor über 150 Jahren das Dilemma dieser Berufswahl auf den Punkt. Der unvermeidliche Zwang – so die Goncourts – tagesaktuelle, massenkonsumierbare Texte zu produzieren, hat unweigerlich zur Folge, dass jeglicher literarischer Anspruch zum Kamikaze-Flug wird und selbst ein Hemingway verblöden würde. Denn: Weiterlesen

Zur Mordserie in der Ukraine

Es ist der Gipfel an ordinärer Ranküne, was da massenmedial fast täglich aus unserer Lieblings-Demokratie Ukraine berichtet wird. Mit frömmelnder Unschuldsmiene wollen und dürfen uns vorzugsweise blutjunge Nachwuchs-Reporterinnen, die so tun, als seien sie Journalisten, über zwangsfinanzierte TV-Sender verklickern, wie freiheitlich, demokratische Daseinsvorsorge im Weltmaßstab zu funktionieren hat. Und warum selbst Morde an russlandfreundlichen Ukrainern derzeit – wenn überhaupt – als vernachlässigbare Größe zu erörtern sind. Dass sie dabei angesichts der Ereignisse Steilvorlagen für ironische Betrachtungen liefern, schert sie nicht.Etwa diese: Weiterlesen

Tödlicher Sicherheitswahn

Metapher für die Politik: Sinkflug in die Katastrophe
“Wie wir lernten, die Panzertür zu lieben”, könnte der Titel des neuesten Stücks aus dem Tollhaus der Terrorabwehr heißen. Es geht um die durch nichts und niemanden abwendbare tödliche Kollision des Germanwings-Airbus 4U 9525 mit einer Felswand in den südfranzösischen Alpen. So prompt die “ungeahnte Tragödie” und das “weltweite Entsetzen” in den Verlautbarungen der Politiker, Airline-Funktionäre und obligaten TV-Talkrunden auch zum Ausdruck kam, so fassungslos steht man vor der Tatsache, dass nirgends über die eigentliche Ursache des Desasters eine tiefgehendere  Analyse zu lesen oder zu hören war: die im Namen der Sicherheit heutzutage ins monströse ausgebildete Abschottung von Führungspersonal gegenüber denen, die sich den zivilen oder militärischen Apparaten unserer hochzentralistischen Zivilisation Tag für Tag anvertrauen.  Und dabei stets darauf hoffen, dass die Kapitäne da oben schon wissen, was sie tun. Weiterlesen

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