Das heimliche Gleichschaltungsformat

Anmerkungen zu Presseschauen in den Medien: Wie sich „die Welt als Wille und Vorstellung“ der Elite-Chronisten formen läßt.

Neon-Installation von Bruce Naumann. Emotionale Verwirrung statt rationaler Orientierung ist einer der zentralen Themen des amerikanischen Konzept- und Multi-Media-Künstlers, präsentiert auf den Biennalen 2009 (Foto) und 2015 in Venedig. (Foto: R. Gohr)

Es ist nun mal so: Immer öfter halten sich die Macher unserer ehemaligen Qualitäts-Medien auf der Suche nach den besten Köpfen im Land schlicht den eigenen Toiletten-Spiegel vor die Nase und stellen täglich aufs Neue erfreut fest: Da ist er ja! Und da dieser ersehnte Genie-Typus mit Tendenz zum „Übermenschentum“ (so fasste der für seine Querdenker-Einfälle gefürchtete „FAZ“-Feuilleton-Chef Frank Schirrmacher kurz vor seinem Tod in einer kritischen Analyse den Trend sarkastisch zusammen) sich nur glücklich fühlt, wenn ihm auf der europäischen Medienbühne möglichst einstimmig applaudiert wird, ist die Epoche kontroverser Diskussion im Milieu unserer Alpha-Chronisten so gut wie am Ende. Schlimmer noch: Beim täglichem Kampf um die Deutungshoheit zu fast jedem politischen oder wirtschaftlichen Ereignis lässt sich zeigen, dass inzwischen bei der Gestaltung selbst kleinster journalistischer Info-Formate vor keinem miesen Trick mehr zurückgeschreckt wird, um den Mainstream als Meinungsvielfalt zu tarnen. Das lächerlichste Beispiel dieser Entwicklung liefern derzeit die sog. „Nachrichten-Presseschauen“ – mal „Pressekompass“, mal „Pressespiegel“ oder „Das sagen die anderen“ genannt. Selbst in den vormals anspruchsvollsten Medien der Republik dient dieses Print- oder Sendeformat inzwischen fast ausschließlich zur Selbstbeweihräucherung der Meinungsmacher. Dem Medienkonsumenten wird dabei sorgfältig verschwiegen, was läuft.Dabei ist die Manipulationsmasche ganz einfach. Anders als früher lässt man den Leser oder Zuhörer in diesem Info-Format heute mit Ausnahme des zitierten Blattnamens und des Erscheinungsorts fast nichts mehr über die Quelle wissen. Sie kann noch so dubios, provinziell oder unbekannt sein: Gibt sie die Redaktionsansicht des zitierenden Blatts oder Senders halbwegs wieder, hat sie sich zwecks Nachdruck oder Zitat qualifiziert. Und: Erwähnt man in den Presseschauen doch mal quellenkritisch die weltanschauliche Herkunft eines Kommentars, so ausnahmsweise nur, wenn sie aus notorisch linken, also im Sinne des Mainstreams verdächtig unseriösen Medien-Milieus stammt. Eine Praxis, die selbst im sog. Kopfblatt der Nation, der „FAZ“, inzwischen Standard ist.

Vorgetäuschte Vielfalt

Das unheimliche an dieser Schrumpfform von Presseschau: Niemand regt sich auf. Keine Spur von Kritik an dieser Verluderung der Sitten im Medien-Alltag der Republik. Mir jedenfalls ist nicht bekannt, dass irgendein Indendant, Kommentator oder Chefredakteur Kritik oder Einspruch gegen die inzwischen alltägliche Praxis der Quellen-Nennung als bloße Fassade in Presseschau-Redaktionen erhoben hätte. Denn das ist doch klar:
Bleibt für den Leser oder Hörer unüberprüfbar, aus welchem politischen oder wirtschaftlichen Umfeld die Kommentar-Zitate stammen, ist der Meinungsmanipulation Tür und Tor geöffnet. Am Beispiel unseres gebührenfinanzierten Staatssenders „Deutschlandfunk“ (DLF), der sich rühmt, alle 30 Minuten an „Aktualität“ bis „ ins letzte Detail“ nur das zu liefern, was den „Hörer“ dazu befähigt, „sich selbst eine Meinung zu bilden“, lässt sich zeigen, wie das läuft. Sechsmal am Tag trompetet die notorisch tiefschwarz orientierte Politik- und Wirtschafts-Redaktion Meinungsäußerungen von Blättern aus aller Welt in Deutsch übersetzt in den Äther, von denen der Radio-Konsument schon allein wegen der Sprachbarriere teils kaum oder noch nie gehört hat. Als Anhalt zur Meinungsbildung wird – siehe oben – fast immer nur Name und Ort des zitierten Presseorgans verlesen. Das war´s. Ob das zitierte Blatt links, rechts, konservativ oder gar faschistisch positioniert ist, erfährt man mit keinem Wort. Ein Info-Loch, das aus journalistischer Sicht nur dann nicht mehr als Ungeheuerlichkeit gesehen wird, wenn unsere Chronisten zur Ansicht gelangt sind, dass es jenseits ihrer Weltsicht keine „letzten Details“ mehr gibt, die im Zitat-Gebrauch der Erwähnung wert wären. Was heißt:
In einer Zeit, in der selbst die einst renommiertesten Blätter Europas vom französischen „Figaro“ über die Schweizer „Weltwoche“ bis hin zur „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) heimlich still und leise durch Kauf teilweise oder ganz von millionenschweren Investoren gekapert werden und so quasi über Nacht zu einer neuen, manchmal höchst unerfreulichen Weltauffassung gelangen, soll der DLF-Hörer lieber nichts über die zitierten Medien wissen. Da hat er sich gefälligst allein schlau zu machen. Und ist selbst schuld, wenn ihm entgeht, dass gerade die sog. Leitmedien in fast allen EU-Staaten von nach massenmedialen Einfluss strebenden Finanz-Konglomeraten (überwiegend vereint im Credo „Geld regiert die Welt“) zunehmend auf Einheitskurs gebracht wurden – und werden. Unter diesem Gesichtspunkt entpuppt sich der Einwand, Pressespiegel heutiger Form seien doch eine beachtliche Service-Leistung, weil sie deutschen Bürgern gut übersetzt „die Meinung der anderen“ aus allen Sprachregionen näher bringen, letztlich als heiße Luft. Denn: Der Leser oder Hörer geht auf den Leim einer vorgetäuschten Vielfalt, die letztlich nur Einheitsbrei ist.

Kollektive Empörungsorgien

Wer andererseits sagt, das Pressespiegel-Format sei rein infotechnisch gesehen viel zu unbedeutend, um über die Qualität oder den Erfolg einer Redaktion etwas auszusagen, ist gleichfalls auf dem Holzweg. Ein Publikationsorgan kann man ohne Übertreibung mit dem Interieur einer Wohnung vergleichen… Es sind nicht die teuren Möbel, die ein Urteil über das Haus bestimmen, sondern eine tote Topfplanze auf dem Kamin oder die verdreckte Toilette, die einen sagen lässt: „Dies ist kein vornehmes Haus“. Kurz:

Mammon, Macht und Manipulation sind die Themen des peruanisch-französischen Künstlers und ehemaligen UN-/EU-Diplomaten Jota Castro. Hier ein Werk von der Biennale Venedig 2009, wo er die Installation “Die Angst-Gesellschaft” im Emergency-Pavillion inszenierte. Foto: R.Gohr

Dass gerade im Deutschland-Funk mit ansonsten durchaus hochqualitativen Programm–Segmenten ein Info-Format – ganz ähnlich wie in „SZ“ oder „FAZ“, – und nicht nur da – eingeschraubt wurde, welches missbraucht werden kann, um die vorgegebene Weltsicht medial zu puschen, ist mithin alles andere als eine Ruhmestat neudeutscher Publizistik. Im Gegenteil: Vorurteile, hysterische Medienkampagnen lassen sich so fast mühelos zu kollektiven Empörungsorgien aufblasen, die sich an sich selbst berauschen. Ein Manipulationsinstrument, das aus sozialpsychologischer Sicht im Übrigen wohlbekannt ist.

Meinungsmasche statt Meinungsbildung

Selbst der unterbelichteste Chefredakteur oder Medien-Mogul im Land weiß nur zu genau, dass sich dieses Werkzeug zur Meinungssteuerung nutzen lässt. Dass sie es gleichwohl zulassen und sogar ausbauen, „spiegelt“ auch etwas wieder: nämlich den Stand des journalistischen Sittenverfalls im Land. Zur verantwortungsvollen „Meinungsbildung“ tragen diese „Pressespiegel“ nichts mehr bei. Zur systematischen Gleichschaltung der Presselandschaft aber viel. Zumindest dann, wenn auch im übrigen Nachrichtenteil angeblich ernsthafte Quellen-Analysen immer mehr zu hochnotpeinlichen Witznummern geraten.
Nicht minder erstaunlich ist, dass auch den besten Köpfen in den jeweiligen Redaktionen kaum etwas einfällt, um dieser Täuschungspolitik in ihren auf edel getrimmten Häusern Einhalt zu gebieten. Scheinbar fühlt man sich im Bereich der hochdotierten Medien-Welt als politisierender Zeitzeuge nur noch wohl, wenn man Scheuklappen aufsetzt und auf jede Kritik (zu der man ja in diesem Milieu prinzipiell fähig wäre) aus Opportunität, Karrieresucht oder Existenzangst verzichtet. Auch der flüchtigste Blick in das in diesen Kreisen verhasste Internet zeigt, dass es im Sinne Arthur Schopenhauers jenseits dieser sich inzwischen vielfach schönspiegelnden „Welt als Wille und Vorstellung“ einiger Weniger jede Menge alternativer Blickwinkel mit überraschenden Einsichten gibt. Aus nüchterner Distanz betrachtet entpuppt sich jedenfalls die Beteuerung der „DLF“-Nachrichtenredaktion als geradezu dreistes Statement, wenn dort behauptet wird, man „biete keine schrille Ware“, sondern nur das, „worauf die Hörer einen Anspruch haben als Bürger und Gebührenzahler“. Selten so gelacht.

  • © 2014 nullpunkt-web.de | Rainer Gohr
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