Störung der Totenruhe

Wie “Bild” Karasek posthum zur Witzfigur macht

„Es ist hart, von Idioten verehrt zu werden“, titelte kürzlich das französische Satire-Magazin Charlie Hebdo. Wie wahr! Hier eine bundesdeutsche Variante: Beim plumpen Versuch, die Lebensleistung des in dieser Woche verstorbenen Literatur-Kritikers Hellmuth Karasek per Sonderseite zu rühmen, fällt Bild kaum mehr ein, als uns in fetter Schrifttype über Karaseks „drei besten Witze“ zu informieren.

Sie lauten: – und das ist kein Witz.

1. Was ensteht, wenn ein Gebiss in einen Teller Spaghetti fällt?
Zahnpasta!
2. Kommt ein Mann zur Polizei: Ich habe meine Frau geamselt.
“Der Beamte: “Sie meinen wohl: gevögelt.”
Der Mann: Nein, erdrosselt!”
3. Treffen sich zwei 80-Jährige: Sag mal, wie hast du es geschafft, das 22-jährige Model zur Heirat rumzukriegen?
Antwortet der andere: “Indem ich ihr vorgelogen habe, ich sei 90!”

Statt mit einem Rest an Empathie diese banalen Stammtisch-Kalauer im Grab des verehrten Literaturkritikers ruhen zu lassen, werden sie von unserem größten und gröbsten Massenblatt als Glanzleistung des Witze-Freunds Karasek sorgsam exhumiert. Armes Deutschland. Gedenkt man in unserer Medien-Szene so pietätlos selbst seiner liebsten Verblichenen? Und stört die Totenruhe, indem man die flachsten Jokes und Einfälle zu seinem Gedenken in die Welt posaunt? Natürlich stimmt, das der gefeierte Literatur-Kritiker auch selbst zu kritisieren war: Schließlich hat er stets versucht, in seiner Arbeit viereckige Kreise zu kreieren, also Schärfe und Attacken zu bilden, die niemandem wehtun. Aber ihm im Nachruf nachzusagen, dass er gedanklich Zeit seines Lebens sowas wie Humor-Fußpilz gehabt habe, ist einfach nicht nett. Zumal niemand weiss, ob Karasek die zitierten Scherz-Missgriffe aus der Mottenkiste deutscher Kasinos nicht längst bereut hat und jetzt angesichts dieser peinlichen „Lobeshymne“ im Grab um sich selbst rotiert.

(Aus “Bild” vom 1. 10. 2015: Seine drei besten Witze. Hellmuth Karasek liebte Witze – und schrieb sogar zwei Bücher darüber („Das find ich aber gar nicht komisch!“ und „Soll das ein Witz sein?“. Beide Quadriga, 16,99 Euro)

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