Tödlicher Sicherheitswahn

Metapher für die Politik: Sinkflug in die Katastrophe
“Wie wir lernten, die Panzertür zu lieben”, könnte der Titel des neuesten Stücks aus dem Tollhaus der Terrorabwehr heißen. Es geht um die durch nichts und niemanden abwendbare tödliche Kollision des Germanwings-Airbus 4U 9525 mit einer Felswand in den südfranzösischen Alpen. So prompt die “ungeahnte Tragödie” und das “weltweite Entsetzen” in den Verlautbarungen der Politiker, Airline-Funktionäre und obligaten TV-Talkrunden auch zum Ausdruck kam, so fassungslos steht man vor der Tatsache, dass nirgends über die eigentliche Ursache des Desasters eine tiefgehendere  Analyse zu lesen oder zu hören war: die im Namen der Sicherheit heutzutage ins monströse ausgebildete Abschottung von Führungspersonal gegenüber denen, die sich den zivilen oder militärischen Apparaten unserer hochzentralistischen Zivilisation Tag für Tag anvertrauen.  Und dabei stets darauf hoffen, dass die Kapitäne da oben schon wissen, was sie tun.

Ganz gleich ob ein technischer Defekt oder ein sog. „erweiterter Suizidwille“ des Copiloten die Flug-Katastrophe bewirkte: Wie ein ironisch-diabolischer Witz wirkt, dass ausgerechnet jene bombensicheren Vorkehrungen, die Fluggäste nach den 9/11-Anschlägen vor Tod und Terror schützen sollten, zur mörderischen Falle wurden. Keiner konnte ins Cockpit gelangen, um den Crash in letzter Sekunde noch aufzuhalten – endlose Minuten mussten der ausgesperrte Chefpilot, die Crew, die Passagiere und die Flugüberwachung aufgrund vollkommenen Kontakt-Abbruchs mit dem verantwortlichen Copiloten machtlos ansehen und ertragen, was auf sie zukam. Kurz:

Zu berichten war über diese Minuten des Grauens im Grunde nicht mehr und nicht weniger als der Triumph und zugleich das komplette Versagen westlicher Sicherheitsphilosophie. Sie scheiterte – und dies seit der Emser Depesche 1870 nicht zum ersten Mal – an den bewusst ausgeschlossenen  Korrekturkapazitäten von Führungssystem bzw. -personal, das angeblich unangreifbar und fehlerlos funktioniert und dem Bürger damit letztendlich blindes Vertrauen abverlangt. Dass dieser zugleich bei all seinem Tun als Sicherheitsrisiko selbst unter Generalverdacht steht, ist die Kehrseite des Systems. Ist dieser simple Zusammenhang gerade gegenwärtig keine Schlagzeile wert?

So gesehen sollte das, was der Airbus 4U 9525 im Zeitraffer zeigte, als ein Menetekel verstanden werden, als bizarre Metapher für eine drohende Fehlentwicklung jeglicher Politik, die uns gepanzerte Abschottung kombiniert mit Überwachung als „alternativlose“ Sicherheitsmaßnahme schmackhaft machen will. Ein gesellschaftlicher Risikofaktor, vor dem Systemtheoretiker längst warnen, ohne bei Führungscliquen gleich welcher Art, jedoch mit egozentrischem Tunnelblick auf die eigene Unfehlbarkeit, je Gehör zu finden. Dabei ist ja sattsam bekannt, in welchen Schlammassel ganze Nationen mit ausgehöhlten Check-und Balancesystem geraten können.. Das Beharren auf zentralistischer Macht-Delegation und exklusiv agierenden Führerzirkeln bewirkt in punkto Risiko-Abwehr nur eins: Es führt mit Sicherheit in die Katastrophe. Auch im Cockpit unserer Regierung wird – zunehmend unzugänglich für Mahnung und Korrektur – derzeit ein Politkurs hinter ideellen Panzertüren gefahren, der alle Zutaten zum finalen Crash in sich trägt. Wie das läuft? Dafür lieferte der Filmemacher Stanley Kubrick bereits 1964 zur Zeit des kalten Kriegs in seinem Meisterwerk „Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ alle nötigen Details…

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