Störung der Totenruhe

Wie “Bild” Karasek posthum zur Witzfigur macht

„Es ist hart, von Idioten verehrt zu werden“, titelte kürzlich das französische Satire-Magazin Charlie Hebdo. Wie wahr! Hier eine bundesdeutsche Variante: Beim plumpen Versuch, die Lebensleistung des in dieser Woche verstorbenen Literatur-Kritikers Hellmuth Karasek per Sonderseite zu rühmen, fällt Bild kaum mehr ein, als uns in fetter Schrifttype über Karaseks „drei besten Witze“ zu informieren. Weiterlesen

Zutritt verboten:der selbsternannte Club der Meinungsmacher

Maulkorb für Wissenschaftler? Was passiert, wenn renommierte Ökonomen Kanzlerin Merkel in einem offenen Brief zum Kurswechsel auffordern

Andrian Kreye, Feuilleton-Chef der Süddeutschen Zeitung (SZ) war empört: „Digitale Politikamateure“ haben sich, so verkündete er in der von ihm verantworteten Kulturabteilung der SZ, wissenschaftlicher Analysen zur Griechenland- und Eurokrise bedient, um „auf ethisch fragwürdige“ Weise Kritik am Austeritätskurs der deutschen Bundeskanzlerin zu üben. Grund seines Protests: Der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty hatte zuvor zusammen mit vier ähnlich renommierten Ökonomie-Forschern (unter anderem Heiner Flassbeck) einen offenen Brief an Angela Merkel mit dem Titel „Der Sparkurs ist gescheitert“ auf der Webseite des amerikanischen Politikmagazins „The Nation“ veröffentlicht. Dies unter Beteiligung von Internet-Aktivisten, die begleitend dazu im Netz eine Petition auf den Weg brachten, welche innert Stunden weltweit über 500 000 mal unterzeichnet wurde und in Paris zu Straßendemos beim Griechenland-Krisentreffen von Merkel und dem französischen Staatspräsidenten Hollande führte. Der – wie Kreye einräumt – „wissenschaftlich fundierte“ und argumentativ „kluge“ Aufruf der Professoren sei aber nun durch die Petitions-Aktivisten mit ihrem „gewaltigen Echo“ im Internet aufs ärgste entwertet worden. Denn, so Kreye : Aus gesellschaftlicher Sicht ergäben sich durch die solcherart massenhaft verbreiteten wissenschaftlichen Erkenntnisse schwere Glaubwürdigkeitsprobleme für die am Brief beteiligten Professoren. Und das sei nicht gut. Denn: Weiterlesen

Getrübter Blick auf Medienkritiker

Der Feldzug des Hans Leyendecker – mit Bildungsfledderei
statt Argumenten reagiert der SZ-Journalist auf die derzeitige
Protestwelle von Bloggern und Publizisten

Wer hätte das gedacht: Auf Hans Leyendecker, Leuchtturm der “investigativen, ergebnisoffenen  Recherche” der Süddeutschen Zeitung, können sich seine Chefs nicht wirklich verlassen. In seinem jüngsten Beitrag über Medienkritik (“Der böse Blick, SZ vom 11. 11. 2014″) ortet er zwar als journalistischer Parzival den heiligen Gral unabhängiger Berichterstattung bei dem in letzter Zeit schwer unter Beschuss geratenem eigenen Blatt und ähnlichen Leitmedien. Dass er dabei aber kein gutes Haar an jenen läßt, die dies aufgrund der SZ-Mainstream-Berichterstattung über die Ukraine aus gutem Grund mehr als anzuzweifeln wagen, grenzt schon an Nibelungentreue. Ob man in den oberen Etagen des Pressehauses über Leyendeckers Feldzug in eigener Sache glücklich ist, muss dennoch mit Fragezeichen versehen werden. Denn schließlich rahmt er seinen Beitrag ausgerechnet mit dem Namen jenes Medienkritikers ein, der wegen seiner scharfsichtigen und bis heute aktuellen Analysen im Journalistengewerbe seit gut hundert Jahren totgeschwiegen wird: Karl Kraus. Weiterlesen

  • © 2014 nullpunkt-web.de | Rainer Gohr
Top