Boulevard verblödet

“Gossen-Hemingway” mag ja für so manchen nach einem Ehrentitel für Schreib-Talente klingen, die in der Boulevardpresse gegen nicht unbeträchtliches Zeilengeld ihrer journalistischen Arbeit nachgehen. Weithin bekanntester Etikett-Träger dieser Sonderform von tagesaktueller Literatur: Franz-Josef Wagner, Kolumnist der Bild-Zeitung. Er ist daher immer ein guter Anlass, um an eine Warnung der Brüder Goncourt zu erinnern, jenes Autoren-Tandem, nach dem der renommierte französische Literaturpreis “Prix Goncourt” benannt ist. In ihren inzwischen auch auf Deutsch vorliegenden Tagebüchern brachten sie bereits vor über 150 Jahren das Dilemma dieser Berufswahl auf den Punkt. Der unvermeidliche Zwang – so die Goncourts – tagesaktuelle, massenkonsumierbare Texte zu produzieren, hat unweigerlich zur Folge, dass jeglicher literarischer Anspruch zum Kamikaze-Flug wird und selbst ein Hemingway verblöden würde. Denn:

Zitat aus den Tagebüchern Bd.2, S.33

“Je mehr ich mit jenen in Berührung komme, die ihr Leben, das Fieber
ihres Geistes im Boulevardblatt vergeuden, desto mehr bin ich davon
überzeugt, dass der Zustand, die Aufregungen, das Leben ohne Haltung, die
Übereilung der Ideen, die Ablenkung des Denkens, der langsamen und
reifen Arbeit jene selbst in der Zukunft vollkommen ungeeignet für ein
Werk machen: Um etwas auszubrüten braucht man eine
Rückzugsmöglichkeit und so etwas wie eine Nachtruhe für den Geist.”

Die Notiz im Goncourt-Tagebuch stammt vom 19.März 1858. Damals begann in Paris durch die Gründung zahlloser Tages- und Wochenblätter das Geschäftsmodell ruheloser News-Produktion Furore zu machen. Nicht nur Politik und Wirtschaft, sondern auch Klatsch und Tratsch bildete die Grundlage eines Journalismus, der erst heute in Bezug auf Tempo und Sensation seinen Höhepunkt erreicht hat. Mit literarischer Schöpfung, das war den Gebrüdern Goncourt schon damals klar, hat das alles nichts zu tun. Es sind blubbernde Sumpfblasen aus der Gosse des Lebens. Ich weiß nicht mehr, wer das erstmals gesagt hat: Aber es stimmt: „Autoren, die auf der Schreibmaschine nur mit zwei Fingern tippen, sind im Vorteil, weil sie dabei in aller Ruhe denken können.“Wobei Ausnahmen wie immer die Regel bestätigen…

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