Schlachtfeld Verdun: Entstellte Erinnerungen

Dämonisiert, weichgespült, entwertet: Wie deutsche Leitmedien in Zeiten wieder aufflammender Kriegsrhetorik mit dem 100. Jahrestag der Vernichtungsorgie umgehen. Zwei Beispiele
Rund 300 Tage Kampf, 300.000 Tote: Seit sich zum hundertsten Jahrestag der Schlacht von Verdun im 1.Weltkrieg unsere Presse, Funk und TV an diesem Mammutmassaker erinnernd abarbeiten müssen, stehen sie vor einem Dilemma: Just zu einer Zeit, wo alle Mainstream-Kanäle versuchen, den Bürgern einzutrichtern, dass Deutschland auch militärisch weltweit wieder „Verantwortung“ zu übernehmen habe und dies leider ohne „robuste“ Aktionen“, sprich Waffeneinsatz und steigende Wehretats nicht zu machen ist, müssen sie dem Publikum nun zeitgleich eines der blutigsten Gemetzel der jüngeren deutschen Geschichte beschreiben. Die Reminiszenz und die aktuellen Kriegsgesänge mit „breaking news“ von den Frontlinien der Welt passen nicht recht zusammen und schafft selbst unter den hellsten Köpfen der Zunft Verwirrung. Schließlich hat Verdun wie kein anderes unter den Militärgräueln der Neuzeit in Europa die Nutz- und Sinnlosigkeit moderner Kriegsführung in Völkerkonflikten demonstriert. Was also tun? Auch auf die Gefahr hin, weiter an Glaubwürdigkeit zu verlieren, macht die Publizistik mit Leitanspruch, was sie in politisch brisanten Konflikten dieser Art fast immer macht: Trotz besseren Wissens entwickeln die Macher entweder den Mut zur Lücke oder spielen die Trottel vom Dienst. Was heißt: Man schreibt seine Verdun-Memorials so, dass es fast unmöglich wird, die blutigen Ereignisse von damals in Vergleichsnähe zur aktuellen Forderung nach mehr Feuerkraft am Hindukusch, in Syrien, im Baltikum oder in Afrika zu bringen. Vor allem im deutschen Feuilleton mühen sich unsere Schrift-Illusionisten daher seit kurzem mehr oder minder schweißtreibend ab, die vertrackte Verdun-Thematik durch eine möglichst festliche Beleuchtung zu verdunkeln.Glanzstücke dieses Possenspiels lieferten unlängst zwei unserer (einst) renommiertesten Leitmedien: Springers Hausblatt „Die Welt“ und die „Süddeutsche Zeitung“(SZ). „Die Welt“ setzte ihren kundigsten Mann für deutsche Kriegs-Historie, Sven Felix Kellerhoff, auf die Verdun-Erinnerung an und ließ ihn auf einer ganzen Seite unter dem Titel „Sinfonie des Teufels“ nach den Hintergründen dieser grausamsten Schlacht des 1.Weltkriegs fahnden.(http://www.welt.de/print/die_welt/politik/article152446876/Sinfonie-des-Teufels.html)

Prachtvoll das Ergebnis seines mit musikalisch-religiösen Zitaten eines damaligen Leutnants („Höllenkonzert von gewaltiger Schönheit“) ornamentierten Artikels: Als Fazit hält er fest, dass leider die „tiefere Ursache für den deutschen Angriff auf Verdun weiter rätselhaft“ sei. Immerhin hätte die Forschung inzwischen aber den fürs deutsche Kaiserreich besonders hässlichen Vorwurf „widerlegt“, dass der deutsche Operationschef der Vernichtungsorgie, Generalstabschef Erich von Falkenhayn keineswegs – wie lange behauptet – „zielbewusst“ von Anfang an das „Ausbluten“ der Frontsoldaten im Blick gehabt habe, als er den Angriff auf Frankreichs Grenzfestung Verdun befahl.

Schuldfrage geklärt: Nicht der Mensch, sondern Satan hatte seine Hand im Spiel
Im Getümmel der Monsterschlacht, so darf man aufgrund des brillant komponierten Kellerhoff-Geschwurbels erleichtert folgern, verlor unser dazumal oberster Militärstratege beim Ringen mit dem Bösen in sinfonischen Stahlgewittern einfach nur den Überblick. Und man wird sich bei der Schuldfrage ab jetzt mehr denn je der Vorstellung hingeben dürfen, dass im Kampf um die weltweit begehrtesten Plätze an der Sonne nicht der Mensch, sondern Satan seine Finger im Spiel hatte. Famos, wie Kellerhoff seine Entlastung der Generalität von ihrer Blutschuld in Verdun begründet: nämlich gar nicht. Namen von Historikern, die seine überraschende These teilen, blieben wohl im Übersatz der „Welt“ hängen und so ließ sich die Suche nach den realen Ursachen des Verdun-Gemetzels und den dafür Verantwortlichen elegant zu einer unlösbaren Glaubensfrage verkürzen. Kellerhoffs Rückgriff auf diabolische Kräfte jedenfall variiert und vertieft so trefflich die hierzulande derzeit hochbeliebte Ansicht des australischen Historikers Christopher Clark, der meint, Europa sei schlafwandlerisch – also unfreiwillig – in das verheerende Schlammassel des 1.Weltkriegs geschlittert.
Ganz anders, ohne jeden religiös-metaphysischen Metaphern-Verschleiß, nimmt die Süddeutsche Zeitung (SZ) wenige Tage später Verdun in den Blick.(http://www.sueddeutsche.de/kultur/jahre-verdun-schlacht-und-haus-1.2873151)

Geradezu cool, um es neudeutsch zu sagen. Unter dem nüchternen Titel „Schlacht und Haus“ plagt man sich auch hier kurz mit der Ursachenfrage ab, hält fest, dass das Ganze „als Symbol“ irgendwie was mit Stalingrad und Ausschwitz zu tun habe und beklagt Verdun ansonsten trocken mit Fakten und Zahlen. Der SZ-Kultur-und Kunstexperte Joseph Hanimann referiert den Fall. Ihn faszinieren besonders die kolossalen Dimensionen des Geschehens: Der französische monatliche Truppentransport an die Front habe 400 000 Soldaten betragen, notiert er in bester Buchhaltermanier. An „Material“ – so staunt er, habe allein die französische Armee über 500 000 Tonnen in die Schützengräben und Abwehrbunker gekarrt. Wobei mit dem, was er da in farbfreiem Bürokratenton rapportiert, natürlich vor allem Waffen und Munition gemeint sind. Die aber – weil in Verdun eben eine Materialschlacht stattfand – zum Abschuss von 60 Millionen Granaten nötig waren, um das Gebiet in eine baumlose Kraterlandschaft mit am Ende 300 000 Toten umzuwandeln. Soweit zum trockenen Faktenteil von Hanimanns Arbeit. Dabei beläßt er´s aber nicht.
Ihm scheint klar, dass man von einem SZ-Feuilletonisten, der hier als Neuzugang gerade seine Sporen verdient, etwas mehr als sattsam bekanntes Zahlen-Material über Verdun erwartet. Zumal von einem Autor, der sich andernorts längst einen Namen durch Beschreibung französischer Kunst- statt Waffen-Produkten hervorgetan hat. Lange Jahre berichtete Hanimann als Kulturkorrespondent für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) aus Paris und galt dort als literarisch orientierter Feingeist mit Neigung zu Kultur-Essays. Mit platter Faktensammlung über die Knochenmühle Verdun konnte er auf der SZ-Bühne also nicht gut reüssieren. Da muss ein geübter Kritiker von Kunstausstellungen und Museen-Eröffnungen rund um den Eifelturm in einem „Qualitätsblatt“ wie der Süddeutschen schon etwas tiefer graben. Und Hanimann tut´s.

Blick aufs Beinhaus – ein „Erbauungsort für Geschichtspatrioten“?
Der Besuch Verduns – so lässt der Kulturkritiker gleich zu Beginn seines Reports wissen – hat ihm nicht gefallen. Vor allem der Ausbau des Orts zur großen Gedenkstätte mit angeschlossenem Museum bereitete ihm Bauchschmerzen. Die 2000 mit Hilfe der Bundeswehr ausgestellten „Exponate“ im neuen Museumsbau, nörgelt er, „verlieren sich mitunter in Redundanz“. Als Gruselnotiz hält er schockiert fest, dass im „Aushub“ des Verdun-Geländes immer noch „menschliche Überreste zum Vorschein“ kommen, die den baulichen Abschluss des Museumsprojekts verzögern.
Wie in den 1920er Jahren – so läßt er zwischen den Zeilen vermuten – bestehe daher auch hundert Jahre nach Ende des Massakers die Gefahr, dass nicht nur „Kriegsveteranen und Geschichtspatrioten“ hier „persönliche Erinnerungen“ und „Erbauung“ finden, sondern gar anreisende „Touristen“ der Versuchung nicht wiederstehen könnten, „sich den einen oder anderen Totenkopf als Souvenir mit nach Hause zu nehmen“. Die makabre Vorstellung, Verdun könne demnächst zum unappetitlichen Touristenmagnet werden, in dem Besucher hin und wieder nach mumifizierten Leichen buddeln, fand Hanimann so widerwärtig, dass er diesmal etwas tat, was Kenner deutscher Hochliteratur wie er sonst nur im äußersten Notfall wagen. Er erinnert an eine Sentenz des Wiener Schriftstellers und Zeitkritikers Karl Kraus, den bereits 1922 ähnliche Vorbehalte gegen Verdun als Gedenkstätte plagten.
Hanimanns Rückgriff auf Karl Kraus im Zusammenhang mit Verdun ist aus zwei Gründen ungewöhnlich. Kraus, der 1936 nur deshalb deutschen KZ´s entrann, weil er knapp vor der Nazi-Besetzung Österreichs starb, ist als Ausnahme-Schriftsteller heute hierzulande einerseits fast so gut wie unbekannt, andererseits aber – und hier versagt unser SZ-Feuilletonist als Quellensucher kläglich – einer der tiefgründigsten Medienbeobachter gewesen, die es je im deutsch-österreichischen Sprachraum gegeben hat. Meist auf Grundlage von Berichten der Tagespresse, amtlichen Verlautbarungen der k.u.k.-Behörden zum Kriegsverlauf und Feldpostbriefen überlieferte uns Kraus ein Panorama der gesellschaftlichen, sprachlichen und militärischen Entwicklungen in den Achsenmächten zwischen 1915 bis 1918, das zum aufschlussreichsten zählt, was es heute über diese Epoche zu lesen gibt. Als Zeitchronist, ausgestattet mit einer unbestechlich scharfen Intelligenz notierte und kommentierte er damals in tausenden Glossen, Notizen und Essays in eigener Zeitschrift die – heute würde man sagen „Breaking News“ – des Tages. Anmerkungen zum Verdun-Massaker inclusive. Wobei er durchaus auch Vermischtes und den Annoncenteil ins Visier nahm.
Wenn Hanimann in seinem SZ-Beitrag nun zu verstehen gibt, in den überlieferten Kraus-Texten geblättert zu haben, um sich und den Leser historisch auf Vordermann zu bringen, so ist das zunächst zu loben. Vor allem, wenn er als Ergebnis seiner Recherche an jene kritische Kraus-Bemerkung zu Verdun erinnert, die wie üblich bei diesem Mann brillant formuliert Ist: Verdun als Besichtigungs-Lokalität werde nur „veranstaltet, damit einmal, wenn von der Glorie nichts geblieben ist als die Pleite, wenigsten ein Schlachtfeld par excellence vorhanden sei“.

Eine flammende Anklage von Karl Kraus, als Textschnipsel präsentiert
Kein Zweifel: So ein als Kraus-Aphorismus präsentiertes Zitat schmückt auch den trockensten Verdun-Report. Und die Freude über den Fund wäre ungetrübt, würde sich beim Blick in die Originalquelle nicht ergeben, dass der herausgesuchte Text-Schnipsel – ironisch gewendet – nur wieder mal den ganzen Glanz und das Elend zeitgenössischen Publizistikbetriebs offenbart. Wie das?
Die Rückschau ergibt leider, dass unser literarisch tiefschürfender SZ-Schreiber den Lesern sein Fundstück ähnlich lückenhaft präsentiert wie ein Raubsammler seinen Knochenfund auf den Totenfeldern um Verdun. Soll heißen: Selbst wenn ein SZ-Feuilletonist hier mal im Sinne von Aufklärungs- und Erinnerungsarbeit historische Literatur durchwühlte und dabei Interessantes zutage fördert, so heißt das in der SZ-Phrasenschleuder-Maschine unserer Tage fast gar nichts. Was glorios sein soll, bleibt bei genauerem Blick nichts als eine Info-Pleite. Denn:
Erst das Studium des Kraus-Originaltextes enthüllt, worüber er sich damals empörte, als er auf die Anzeige einer Reiseagentur in den Basler Nachrichten stieß, die 1922 zu Besichtigungsfahrten – heute würde es heißen „all inclusive“ – auf die Schlachtfelder Verduns einlud. „Ich pfeife auf den Text“, empörte er sich daraufhin, „Und ich werde zeigen, imstande zu sein, das Antlitz der heutigen Welt mir aus dem hinteren Annoncenteil zusammenzustellen. Passt auf! Wie sie leben, wie sie lieben, hier steht es geschrieben. Hier sprechen sie alle aus dem Schlaf.“
Hier der Text aus der Fackel :Nr. 577-582,Jg.1922

Reklamefahrten zur Hölle
In meiner Hand ist ein Dokument, das, alle Schande dieses
Zeitalters überflügelnd und besiegelnd, allein hinreichen
würde, dem Valutenbrei, der sich Menschheit nennt, einen Eh-
renplatz auf einem kosmischen Schindanger anzuweisen. Hat
noch jeder Ausschnitt aus der Zeitung einen Einschnitt in die
Schöpfung bedeutet, so steht man diesmal vor der toten Ge-
wißheit, dass einem Geschlecht, dem solches zugemutet wer-
den konnte, kein edleres Gut mehr verletzt werden kann. Nach
dem ungeheuren Zusammenbruch ihrer Kulturlüge und nach-
dem die Völker durch ihre Taten schlagend bewiesen haben,
dass ihre Beziehung zu allem, was je des Geistes war, eine der
schamlosesten Gaukeleien ist, vielleicht gut genug zur Hebung
des Fremdenverkehrs, aber niemals ausreichend zur Hebung
des sittlichen Niveaus dieser Menschheit, ist ihr nichts geblie-
ben als die hüllenlose Wahrheit ihres Zustands, so dass sie fast
auf dem Punkt angelangt ist, nicht mehr lügen zu können, und
in keinem Abbild vermöchte sie sich so geradezu zu erkennen
wie in diesem:

Verdun-Anzeige Bern

 

 

 

 

 

 

 

Aber was bedeutet wieder jenes Gesamtbild von Grauen und
Schrecken, das ein Tag in Verdun offenbart, was bedeutet der
schauerlichste Schauplatz des blutigen Deliriums, durch das
sich die Völker für nichts und wieder nichts jagen ließen, ge-
gen die Sehenswürdigkeit dieser Annonce! Ist hier die Mission
der Presse, zuerst die Menschheit und nachher die Überleben-
den auf die Schlachtfelder zu führen, nicht in einer vorbildli-
chen Art vollendet?
Sie erhalten am Morgen Ihre Zeitung.
Sie lesen, wie bequem Ihnen das Überleben gemacht wird.
Sie erfahren, daß 1,5 Millionen eben dort verbluten muß-
ten, wo Wein und Kaffee und alles andere inbegriffen ist.
Sie haben vor jenen Märtyrern und jenen Toten entschie-
den den Vorzug einer erstklassigen Verpflegung in der Ville-
Martyre und am Ravin de la Mort.
Sie fahren im bequemen Personen-Auto aufs Schlachtfeld,
während jene nur im Viehwagen dahingelangt sind.
Sie hören, was Ihnen da alles zur Entschädigung für die Lei-
den jener geboten wird und für ein Erlebnis, wovon Sie bis
heute Zweck, Sinn und Ursache nicht zu erkennen vermoch-
ten.
Sie begreifen, daß es veranstaltet wurde, damit einmal, wenn
von der Glorie nichts geblieben ist als die Pleite, wenigstens
ein Schlachtfeld par excellence vorhanden sei.
Sie erfahren, daß es doch etwas Neues an der Front gibt und
daß es sich heut dort besser leben läßt als ehedem im Hinter-
land.
Sie erkennen, daß das, was die Konkurrenz bieten kann, die
bloß über die Toten der Argonnen- und Somme-Schlachten,
über die Beinhäuser von Reims und St. Mihiel verfügt, eine
Bagatelle ist neben der erstklassigen Darbietung der Basler
Nachrichten, denen es unzweifelhaft gelingen wird, mit den
Verlusten von Verdun ihre Abonnentenliste aufzufüllen.
Sie verstehen, daß das Ziel die Reklamefahrt und diese den
Weltkrieg gelohnt hat.
Sie erhalten, und wenn Rußland verhungert, ein reichliches
Frühstück, sobald Sie sich entschließen, dazu auch noch die
Schlachtfelder von 1870/71 mitzunehmen, es geht in Einem.
Sie haben nach dem Mittagessen noch Zeit, die Einlieferung
der Überreste der nicht agnoszierten Gefallenen mitzumachen,
und nach Absolvierung dieser Programmnummer noch Lust
zum Nachtessen.
Sie erfahren, daß die Staaten, deren Opfer Sie in Krieg und
Frieden sind, Ihnen sogar, und das will viel heißen, die Paßfor-
malitäten ersparen, wenn die Reise aufs Schlachtfeld geht und
Sie sich nur rechtzeitig bei der Zeitung ein Ticket besorgen.
Sie erkennen, daß diese Staaten Strafparagraphen haben, wel-
che das Leben und sogar die Ehre von Preßpiraten ausdrück-
lich schützen, die aus dem Tod einen Spott und aus der Kata-
strophe ein Geschäft machen und den Abstecher zur Hölle als
Herbstfahrt besonders empfehlen.
Sie werden Mühe haben, diese Paragraphen nicht zu über-
treten, aber dann den Basler Nachrichten ein Anerkennungs-
und Dankschreiben schicken.
Sie bekommen unvergeßliche Eindrücke von einer Welt, in
der es keinen Quadratzentimeter Oberfläche gibt, der nicht von
Granaten und Inseraten durchwühlt wäre.
Und wenn Sie dann noch nicht erkannt haben, daß Sie durch
Ihre Geburt in eine Mördergrube geraten sind und daß eine
Menschheit, die noch das Blut schändet, das sie vergossen hat,
durch und durch aus Schufterei zusammengesetzt ist und daß
es vor ihr kein Entrinnen gibt und gegen sie keine Hilfe — dann
hol’ Sie der Teufel nach einem Schlachtfeld par excellence!

Man sieht: Das von Hanimann verwendete Kraus-Zitat stammt aus einer Arbeit, die im Kern gar nicht um Verdun als Platz einer Massentötung kreist. Kraus nimmt aus philosophisch-kritischer Perspektive eine vollkommen andere Menschheits- und Informationskatastrophe in den Blick: die Massenmedien. Doch auf diesen Aspekt der Kraus-Arbeit, die übrigens keineswegs, wie Hanimann krass irreführend notiert, eine „bissige Satire“, sondern eine flammende Anklageschrift ist, geht unser SZ-Autor mit keinem Wort ein. Auch wenn einzuräumen ist, dass Medien besonders im Feuilleton in der Auswahl von Literatur-Zitaten weitgehend frei sind und sie in ihre Texte nach Lust und Laune einfügen dürfen: Im vorliegenden Fall grenzt die Ausblendung eines zentralen Gedankens aus fremder Feder an Leser-Betrug. Gleicht doch diesmal der vielgerühmte Mut zur Lücke bei einem Text, der ursprünglich zum Rollenverständnis der Massenmedien diente, so drastisch verkürzt und verstümmelt wiedergegeben, der Absicht, die gefundene Wissensquelle nicht etwa frei sprudeln zu lassen, sondern gezielt zu verstopfen.

Die Schande der Massenmedien begreifen, ihre Phrasen und Parolen durchschauen
Eine Ausblendung bzw. Umdeutung freilich, die andererseits nicht allzu sehr verwundert. Die Medienkritik von Karl Kraus rüttelt derart radikal am Selbstverständnis der Journalisten-Zunft, dass sie bis heute tunlichst vermeidet, auf Kraus´ Schriften auch nur aufmerksam zu machen.
Ihm ging es darum – wie seine Anklageschrift ungekürzt überdeutlich zeigt – auf die oft unheilvoll schädliche Verquickung von Annoncengeschäften der Massenmedien und ihrem selbstproklamierten Ziel aufmerksam zu machen, angeblich umfassend und unabhängig zu informieren. „Erinnern und begreifen“ sollte der Kraus-Leser also nicht, wie die SZ suggeriert, die Schande Verdun, sondern die Schande der Publizistik. Die nämlich – so war Kraus überzeugt – trage durch die Wahl ihrer im Krieg genutzten Phrasen und Hetzparolen Mitverantwortung an fast allem, was vor und während des 1. Weltkriegs an Furchtbarem geschah. Ein Vorwurf, den er in seinem Werk hundertfach zu belegen suchte und hier am Anzeigenbeispiel der Schweizer „Basler Nachrichten“ – sozusagen im Kleinformat – ins Bild setzte. Das ihm zufällig vor Augen gekommene Inserat war ihm schauriges Symbol dafür, in welche synchronen Moral-Tiefen menschlicher Erfindungs- und Handelsgeist sinken kann, wenn es schrankenlos um die Erschließung neuer Geschäfts- oder Schlachtfelder geht. Sein Standpunkt:
Die meist durch Anzeigen finanzierte Tagespresse – damals schon ähnlich flächendeckend organisiert wie heute – schere sich einen Teufel um die kulturell-gesellschaftspolitischen Folgen ihres Treibens, sofern die zahlungsfähige Klientel Werbe- oder Propagandaschriften ins Blatt stellt. Da Kraus das Anzeigengeschäft als Einfallstor für jegliche Art von Korruption begriff, verlor die Werbung betreibende Presse in seinen Augen jeglichen Anspruch auf das, worauf sie stets – und das bis heute- den größten Wert legt: Im Staat als vierte Kraft zu glänzen, die das Tun und Lassen der politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger kritisch verfolgt und den Bürger darüber objektiv in Kenntnis setzt. Ein Ehrentitel, den die Medien sich bis heute selbst verleihen, den Kraus aber des vorherrschenden Geschäftsmodells wegen für unerfüllbar hielt. Als Bildungs- , Kultur- und Kontrollinstitution ließ er die Presse nicht gelten. Und dies schon gar nicht, wenn es um die öffentliche Diskussion gesellschaftlicher Konflikte ging, bei denen brisante Fragen zu verhandeln waren: Wie etwa die Macht- und Besitzverteilung im Staat oder die Planung von Außenpolilitik.
Diesen Einwand brachte er mit Herausgabe seines Blatts „Die Fackel“ ab 1899 aus tausendfachen Anlässen in Artikeln so wortgewaltig und gewitzt zur Anschauung, das er innert kürzester Zeit zum meistgehassten Mann der österreichischen Medienbranche wurde. Da er auch noch vielfach belegte, dass sich der anonyme Einfluss von Finanzmoguln an der Börse, im Parlament und in der Wirtschaft weit über die Anzeigenadministration bis tief in die Meinungsspalten der Redaktionen hineinverfolgen ließ, errang sein weitgehend von ihm selbst verfasstes, anzeigenfreies Blatt trotz aller Gegnerschaft in Wien rasch Kultstatus. Er schaute den agierenden Personen des politischen und kulturellen Zeitgeschehens in Wien so intensiv aufs Maul, entlarvte so brillant die Inkompetenz der Kollegen und stellte stilistisch so virtuos die Verlogenheit der von Politik und Wirtschaft inszenierten Sprachregelungen bloß, dass man vor allem in der Kunst-und Kulturszene dem Erscheinen der nächsten Fackelausgabe regelrecht entgegenfieberte. Es hagelte zwar von Staats- wie Verlagsseite lancierte Zensur- und Verbotsanträge – doch prallten diese an Kraus meist ab, weil er seine Attacken aus rhetorischer wie moralischer Sicht unangreifbar zu formulieren verstand. Was zu Folge hatte, das geschmähte Verlagshäuser – unter ihnen die größten der k.u.k.-Monarchie – sich am Ende zu höchst ungewöhnlicher Notwehr gezwungen sahen.

Ein Totgeschwiegener, dessen Stimme nie verstummt
Nachdem deutlich wurde, dass sich angesichts der Fackel-Attacken in der Medien-Zunft kaum noch ein Journalist von Rang finden ließ, der ihm im Disput gewachsen war, verboten Wiener Verlage ihrem schreibenden Personal kurzerhand die Nennung seines Namens. „Nicht genannt soll er sein“, hieß hinfort die Parole in der k.u.k.- Presselandschaft. Ein unerhörter Vorgang: Die Verlage gestanden damit ein, dass sich selbst unter ihren besthonorierten Wortakrobaten und Metaphern-Jongleuren niemand mehr fand, der auch nur annähernd Kraus im Talent gleichkam, allfällige kleine wie große Skandale in der Donau-Monarchie einfach, zupackend und dazu noch in makellosem Deutsch zu erklären. Und das fast Unglaubliche daran: Obwohl es die Fackel seit dem Tod des Herausgebers 1936 nicht mehr gibt, gilt das ungeschriebene Schweigegebot mehr oder minder noch heute fast in der gesamten deutschsprachigen Publizistik – sofern sie werbefinanziert ist. Vielleicht wird so verständlich, warum Hanimanns SZ-Artikel über Verdun im entscheidenden Punkt stumm, fehlerhaft, mithin als Fiasko ausfiel.
Doch beschränkt sich die Kritik am SZ-Text gar nicht mal darauf, dass Kraus in seiner Funktion als Medienkritiker darin nicht einmal im Ansatz erkennbar wird. Ähnlich lückenhaft bleibt der Artikel auch, wenn es nur darum geht, den Leser wie versprochen über die rein faktischen Ursachen des Massakers aufzuklären. Ein Feingeist, der von sich behauptet, Fackel-Texte studiert zu haben, lieferte auch hier eher Gestammel als Information. So hält beispielsweise Ästhet Hanimann den kuriosen Hinweis für notierenswert, das Gedenken an Verdun sei ohnehin eher ein „französisches als deutsches Anliegen“ und man dürfe nicht vergessen, wenn es um „die kollektive Erinnerung“ der Schlacht gehe, dass die Opferzahlen an der Somme-Front unvergleichlich höher lagen als in Verdun.
Wie wahr. Insgesamt bezahlten bekanntlich rund 10 Millionen Europäer an allen Fronten den feudalistisch – großbürgerlichen Drang zum nachholenden Imperialismus mit dem Leben. Die grausam Verletzten, die heute fast jede deutsche und französische Familie unter ihren Urgroßvätern hat, nicht mitgezählt. Was zwangsläufig zur Frage führt, wieso der 1.Weltkrieg im Gegensatz zu früheren Völker-Gemetzeln so unvergleichlich blutig verlief. Doch auch darüber kaum ein klärendes Wort. Dabei hätte – unabhängig vom Befund über die indirekte Mittäterschaft der Publizistik an diesen Gräueln – die Fackel von Kraus unendlich viel Aufschlussreiches zu bieten gehabt.
Als Schriftsteller, der seine Chroniken meist nicht nur ironisch, sondern mit analytischer Weitsicht verfasste, war Kraus einer der ersten, der erkannte, dass Verdun in der Geschichte eine nicht mehr rückdrehbare Zeitenwende darstellte: Symbol dafür, dass der Mensch den Errungenschaften neuester wissenschaftlicher Kenntnisse und ihren technischen Entwicklungen nicht mehr gewachsen war. Staaten wie Deutschland mit gerade aus dem Boden sprießender Waffenindustrie nutzten hier erstmals Sprengmittel und maschinelle Tötungsmaschinerie, die in völliger Unterschätzung ihrer Wirkungen auf einem Schlachtfeld zum Großeinsatz kamen.
So gesehen erhält Verdun in der Erinnerung als Schauplatz eines Vernichtungskriegs mahnenden Wert. Wenn zum Auftakt des Frankreich-Feldzugs 1915 Kaiser Wilhelm II über alle Infokanäle des Reichs huldvoll verkündete, jetzt müssten „die Schwerter“ unter dem Schutz und Wohlwollen Gottes gezogen werden, vergaß er seinen Untertanen mitzuteilen, dass längst fabrikmäßig gefertigte Massentötungsmaschinerie in den Arsenalen stand.

Der eigenen Erfindungs- und Vernichtungskraft ist die Menschheit nicht gewachsen
Die ungeheuerliche Diskrepanz zwischen gesegnetem Agressionsanspruch und Wirklichkeit fiel mit Ausnahme einiger linksorientierter Zeitschriften und Autoren wie Karl von Ossietsky oder Kurt Tucholsky in der schreibenden Zunft kaum jemand auf. Man konnte oder wollte den Unterschied zwischen bisherigem Kampfgerät und der perfektionierten Herstellung neuer Waffen nicht sehen. Hinter inhaltsleeren Wortkulissen wie „Schwerter und Schilder“ lieferte die Industrie auf dem Weltmarkt längst vom Maschinengewehr über Giftgas bis zur Fliegerbombe so gut wie alles, was Militaristen-Herzen höher schlagen ließ, und der Verlockung, das frisch erworbene Kampfarsenal vom Panzerkreuzer bis U-Boot zu bejubeln, erlag die ganze Nation. Nur wenige erkannten die – letztlich auch für die eigenen Soldaten – mörderischen Gefahren der dem Volk als alternativlos angepriesenen Materialien. Nur wenige wie auch Karl Kraus mahnten. Und warnten. Freilich ohne Chance auf Gehör, wie man weiß. Im Reich landeten prominente Gegner der Aufrüstung auch nach Ende des 1.Weltkriegs als angebliche Landesverräter im Knast und wer nicht in den allgemeinen Hurra-Chor einstimmte, war als Autor erledigt.
Nach dem Verdun-Desaster, in den 1920ern, beschrieb etwa der renommierte Autor Erich Kästner in seinem Gedicht „Kennst du das Land, wo die Kanonen blühen“ wie kaum ein anderer das absurde Zwangsmilieu, in dem die deutschen Medien ungeachtet der verheerenden Blutopfer-Erfahrungen verharrt. Hatte man vorher im Verein mit den Habsburgern den Willen zum Krieg mit plattesten neurolinguistischen Tricks („Serbien muss sterbien“) angeheizt und so Stück für Stück Nachbarn in „Erbfeinde“ umgewandelt, um treudoofe Untertanen an die Fronten zu führen, so änderte sich am Willen zum Kampf bis zu letzten Patrone auch nach der Niederlage nichts. Im Gegenteil: Die wissenschaftlich betriebene Weiterentwicklung von Waffen beschleunigte sich noch. Aufrüstung, politisch gefördert, wurde zum Bombendeal, zur profitablen Geschäftsidee schlechthin. Die fragmentarische und durchaus mehrdeutige Überlieferung des vorsokratischen Philosophen Heraklit „Krieg ist der Vater aller Dinge“ schien sich als eindimensionale Superphrase in den Köpfen unserer Ingenieure und Firmenchefs festgefressen zu haben und entfesselte jenen grausigen Erfindungsgeist, in dem humanitäre Gebote keinen Platz mehr fanden. Startschuss dieser Entwicklung gab im 1.Weltkrieg die Erfindung des Maschinengewehrs, also jene Mähmaschine, der auch dem dümmsten Soziopathen, ja Kindern erlaubt, sich per Knopfdruck zum Herrn über Leben und Tod nicht nur eines, sondern hunderter Nachbarn aufzuschwingen.
Kästners Gedicht war daher wie eine Prophezeiung des nächsten Völkergemetzels. Kurz, des 2. Weltkriegs. Hier der ungekürzte Text:

Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?
Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen!
Dort stehn die Prokuristen stolz und kühn
In den Büros, als wären es Kasernen.

Dort wachsen unterm Schlips Gefreitenknöpfe.
Und unsichtbare Helme trägt man dort.
Gesichter hat man dort, doch keine Köpfe.
Und wer zu Bett geht, pflanzt sich auch schon fort.

Wenn dort ein Vorgesetzter etwas will
-und es ist sein Beruf, etwas zu wollen-
Steht der Verstand erst stramm und zweitens still.
Die Augen rechts! Und mit dem Rückgrat rollen!

Die Kinder kommen dort mit kleinen Sporen
Und mit gezogenem Scheitel auf die Welt.
Dort wird man nicht als Zivilist geboren.
Dort wird befördert, wer die Schnauze hält.

Kennst du das Land? Es könnte glücklich sein.
Es könnte glücklich sein und glücklich machen!
Dort gibt es Äcker, Kohle, Stahl und Stein
Und Fleiß und Kraft und andre schöne Sachen.

Selbst Geist und Güte gibt´s dort dann und wann!
Und wahres Heldentum. Doch nicht bei vielen.
Dort steckt ein Kind in jedem zweiten Mann.
Das will mit Bleisoldaten spielen.

Dort reift die Freiheit nicht. Dort bleibt sie grün.
Was man auch baut,- es werden stets Kasernen.
Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?
Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen!

Das „Kennenlernen“, so bleibt zu befürchten, könnte sich, wenn auch auf höherer technischer Stufe, auch in heutiger Zeit wiederholen. Preußischer Untertanengeist, Wehrpflicht oder der Einsatz verschimmelter Uraltphrasen wie „Schwert und Schild“ sind dazu nicht mehr nötig. Ist gesichert, das kampfwillige Gruppen mit größtmöglicher Feuerkraft versorgt wird, so besteht für wie auch immer fanatisierte Minderheiten in keinem Staat mehr die Notwendigkeit, gesellschaftliche Konflikte demokratisch reguliert zu lösen. Hochmunitionierte, übers In-oder Ausland finanzierte Minderheiten vermögen ihre Ziele mit der Waffe in der Hand gegen Mehrheiten durchzusetzen. Anders gesagt: Moderne Waffentechnik eröffnet einen Königsweg, um auch kleinsten gewaltbereiten Gruppen zu erlauben, friedlichen Mehrheiten ihren Willen aufzuzwingen. Sie im klassischen Sinn faschistischer Ideologie final zu terrorisieren und schließlich die Macht im Staat zu übernehmen.
Die Voraussetzungen für Barbarei dieses Typs sind heute gegeben. Das geschickte Zusammenspiel von Politik, Waffenindustrie, Wirtschaft und Massenmedien reicht, um auf diesem Pfad in Bevölkerungen ohne gereifte Kompromisskultur Tötungslawinen loszutreten. Sind die passenden lücken- oder lügenhaften Informationen möglichst weltweit und zentral gesteuert in Umlauf gesetzt, kann´s – wie am Beispiel Vietnam, Irak oder der Ukraine vorexerziert – jederzeit wieder losgehen. Das erforderliche Arsenal steht bereit. Alles ist da. Die letzten Jahrzehnte bescherten dem internationalen Waffenhandel legal wie illegal inzwischen Billiardenumsatz -pro Jahr. Und bemerkenswert: Einen Mangel an radikalisiertem Zivil- oder Militärpersonal scheint es derzeit nicht zu geben, das meist über dunkle Kanäle finanziert, nach immer mehr Feuerkraft, vom MG bis zu Panzern, giert. Bereits 1957 brachte der deutsche Philosoph Karl Jaspers aus militärtheoretischer Sicht den fatal inhumanen Faktor des laufenden Aufrüstungswahns unserer Epoche knapp und prägnant auf den Punkt: „Der Krieg ist in wachsendem Umfang kein Kampf mehr, sondern ein Ausrotten durch Technik“.

Statt aufs Schlachtfeld an den Joystick – Krieg bequem vom Sessel aus
Die mögliche Verwüstung von Mensch und Natur durch immer ausgefeiltere Militärtechnik ist zweifellos nicht zufällig Gegenstand der öffentlichen Bewunderung auf allen Medienkanälen: Auf der Suche nach passenden Metaphern ist der Blick nicht mehr rückwärts zu den schwerteschwingenden Alten, sondern vorwärts zu den Killermaschinen von Morgen gewandt. So sitzt der Held der Zukunft am Joystick, mit dem er Tag und Nacht nicht nur in den entferntesten Ländern Feinde abknallen, sondern auch seine eigenen Leute überwachen kann. Drohne, Cruise Missile, Roboter-Cops sind die Standard-Bilder, die weltweit als Elemente zur Streitschlichtung gestreut werden, wenn es eigentlich um die Lösung sozialer Konflikte geht. Auch wenn´s die Wunderwaffen der Zukunft noch nicht für Jedermann gibt: Grund zum Jammern über den vorläufigen Mangel an für die eigene Seite angeblich risikofreien High Tech-Tötungsgerät, das vom Benutzer gegen Feinde oder missliebige Figuren in Stellung gebracht werden kann – bedarf es nicht. Ausreichend fotogen macht es sich, wenn im Häuserkampf ganze Städte und Straßenzüge mit dem bereits vorhandenem Gerät zerlöchert, zersiebt, zertrümmert oder zerfetzt werden. Dabei fließt zwar – wie jüngst im syrischen Homs vorgeführt – wie üblich Blut in Strömen, sebstverständlich auch unter Zivilisten. Aber was soll man machen. Wenn die internationale Waffenindustrie ihre neuesten Kreationen vorläufig nur ausgewählten Staaten zur Verfügung stellt, müssen die jungen Männer der diversen poststaatlichen Milizen, Rackets und sonstigen “moderaten“ Gruppen in Bürgerkriegen an herkömmlichen MG´s aus Mauerlöchern heraus mehr schlecht als Recht ihre „geheiligte“ Ballerei erledigen.
Als Zuschauer dieses organisierten Wahnsinns, der über die Medien in Breitwandformat global verbreitet wird, wundert man sich nur noch, für wie dumm diejenigen, die das Ganze inszenieren, uns eigentlich halten. Glauben sie wirklich, dass niemand merkt, wie hier wieder im Sinne von Hardcore-Produktwerbung Stimmung und Bereitschaft für neue Gemetzel geschürt wird? Die Ego-Shooter Perspektive des Einzelkämpfers im „Counterstrike-Game“ feiert im Netz, aber auch im Live-Video längst unheilige Triumphe.
Bereits zu Verdun-Zeiten, also mit Beginn der Entwicklung zu Massenvernichtungswaffen, brachte dies den französischen Philosophen und Dichter Paul Valery zu der allgemeinen Feststellung, dass nunmehr endgültig „der Krieg ein Vorgang ist, bei dem Menschen sich umbringen, die einander nicht kennen, und zwar zu Ruhm und Vorteil von Leuten, die einander kennen, aber nicht umbringen“.

Fazit: Wenig hat sich seit der Kaiserzeit geändert. Den passenden Begleit-Sound zum erneut anschwellenden Mordspektakel liefert wie einst die Publizistik. Mit falschen Phrasen wird mobil gemacht. Jeder Terroranschlag, und sei er noch so idiotisch, dient unseren Leitmedien dazu, uns glauben zu lassen, „Wir sind im Krieg“ – wie unlängst die Bildzeitung in Fettdruck auf der ersten Seite titelte. Und wieder: Nichts stimmt am Panik-Titel. So entsetzlich Sprengstoff-Anschläge wie in Paris oder Brüssel auch sind. Mit “Krieg” hat das nichts zu tun. Selbstmord-Attentate gehören in die Kategorie erweiterter Amok-Lauf und sind von Polizeikräften, nicht von Militär zu klären.Oder haben  die Schöpfer des Sensationstitels “Wir sind im Krieg”  ganz anderes im Sinn? Soll die Bundeswehr ins innenpolitische Spiel? Etwa, wenn es auch bei uns zu einem sozioökonomischen Kollaps, zu inneren Konflikten kommt? Bereitet man uns mit modernisierten Metaphern und falschen Behauptungen auf Kommendes vor?

Angesichts der aktuellen Entwicklungen ist umso unverständlicher, warum von Karl Kraus und seiner Kritik am Kriegswahn seiner Epoche immer noch nur rudimentär die Rede ist. Schließlich hat er mit ca. 22 000 Seiten Fackel-Texten eine Mammutchronik hinterlassen, die an Klarheit nichts zu wünschen übrig lässt. Dreimal hat man ihn zu Lebzeiten zum Literatur-Nobelpreis vorgeschlagen und es spricht nichts dagegen, dies posthum wieder zu tun. Zumal seine Überlegungen zu Krieg und Frieden seit kurzem für jedermann im Netz nachlesbar sind. Das österreichische Kunst- und Wissenschaftsministerium hat die Fackel ins Netz gestellt, und sein Werk bildet seitdem im Grunde die umfangreichste Informationsbasis für jeden, der sich ernsthaft über das mentale Zusammenspiel von Politik, Massenpresse, und Wirtschaft schlau machen will. Zum Nachlesen hier der Link:
http://corpus1.aac.ac.at/fackel/
Zugegeben: Mit seinem Hinweis auf Kraus wich Hanimanns Verdun-Report in der SZ wohltuend von der nebelkerzenwerfenden Metaphysik des Kollegen Kellerhoff vom Springerblatt „Die Welt“ ab. Hanimann machte – wenn auch nur kurz und fehlerhaft – auf die kommerzielle Verwurstung Verduns als touristische Versammlungsstätte in Wendungen aufmerksam, die zwar dem Schaffen eines der größten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts keine Sekunde gerecht wurden, aber immerhin einem Mann Aufmerksamkeit schenkten, ohne den die alltägliche Korruption der deutsch- österreichischen Elite in Politik, Wirtschaft, Militär und Medien zwischen 1900 und 1936 heute gar nicht mehr rekonstruierbar wäre.
Sein kulturpessimistisches und medienkritisches Werk hat die Zeit überstanden, und er wird aktuell bleiben, solange die tatsächliche Dimension des Geschehens in den „Breaking News“-Floskeln der Ereignissprache der Medienmacher verschwindet bzw. bewusst vertuscht wird.
Wie sind die Produkte zum Erinnern und Begreifen von Verdun aus den angesehendsten Verlagshäusern der Republik nun zu bewerten? Was soll man sagen? Man schwankt. Die Darstellung des mörderischen Fiaskos ist glaubhaft in ihrer Schwäche, aber schwach in ihrer Glaubhaftigkeit. Gewiss gehören die beiden Artikel nicht zu den Meisterwerken der zeitgenössischen Erinnerungs-Literatur, aber die Frage stellt sich eben, ob die Macher zur publizistischen Oberschicht gehören oder wie so oft heute in Wahrheit zum journalistischen Vollstreckungs-Prekariat. Vielleicht trifft Karl Kraus das Bewertungsproblem mit folgendem Bonmot besser: „Wenn die Sonne der Kultur tief steht, werfen selbst die Zwerge lange Schatten.“

.Karl Kraus

Karl Kraus:

»Im Anfang war die Presse
und dann erschien die Welt.
Im eigenen Interesse
hat sie sich uns gesellt.
Nach unserer Vorbereitung
sieht Gott, daß es gelingt,
und so die Welt zur Zeitung
er bringt […]
Sie lesen, was erschienen,
sie denken, was man meint.
Noch mehr läßt sich verdienen,
wenn etwas nicht erscheint.«

Karl Kraus: „Das Lied von der Presse“, aus „Literatur oder Man wird doch da sehen“, 1921

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